Textilsiegel im Vergleich: GOTS, OEKO-TEX und Grüner Knopf

Drei Siegel tauchen auf Kleidung in Österreich und Deutschland am häufigsten auf: GOTS für kontrolliert biologische Fasern entlang der gesamten Lieferkette, OEKO-TEX Standard 100 für schadstoffgeprüfte Endprodukte und der Grüne Knopf als staatliches Metasiegel der deutschen Bundesregierung. Wer nachhaltige Mode Siegel erkennen will, braucht vor allem eines: ein Verständnis dafür, was jedes Zeichen tatsächlich abdeckt und wo seine Grenzen liegen. GOTS zertifiziert den gesamten Produktionsprozess ab der Faser, OEKO-TEX prüft das fertige Textil auf Rückstände, der Grüne Knopf verlangt die Einhaltung sozialer und ökologischer Mindeststandards auf Unternehmensebene. Diese drei Siegel schließen sich nicht gegenseitig aus, sie ergänzen einander.

Inhaltsverzeichnis

  1. Was GOTS zertifiziert: Bio-Faser ab dem Feld
  2. OEKO-TEX Standard 100 prüft das Endprodukt auf über 100 Substanzen
  3. Grüner Knopf: staatliches Siegel mit 46 Kriterien
  4. Vergleichstabelle: Geltungsbereich, Prüfstelle und Fokus
  5. Fair-Trade-Produkte an konkreten Merkmalen erkennen
  6. Welche Marken tragen welche Siegel

Was GOTS zertifiziert: Bio-Faser ab dem Feld

Der Global Organic Textile Standard verlangt, dass mindestens 70 Prozent der verwendeten Fasern aus kontrolliert biologischem Anbau stammen. Für die Kennzeichnung „organic“ liegt die Schwelle bei 95 Prozent. Die Zertifizierung beginnt beim Rohstoff und begleitet jede Verarbeitungsstufe: Spinnen, Weben, Färben, Nähen. Chemische Zusätze wie Formaldehyd oder bestimmte Azofarbstoffe sind ausgeschlossen, und auch die Kläranlage des Betriebs wird überprüft. Detaillierte Kriterien veröffentlicht die Global Standard gGmbH auf ihrer Website.

Interessant ist, was GOTS nicht abdeckt: synthetische Fasern wie Polyester fallen grundsätzlich aus dem Geltungsbereich (selbst wenn der Rest des Kleidungsstücks aus Bio-Baumwolle besteht, ein Detail, das beim Blick auf das Pflegeetikett auffällt). Soziale Mindeststandards sind im GOTS enthalten, allerdings weniger umfassend als bei spezialisierten Siegeln wie der Fair Wear Foundation.

Siehe auch Aussortierte Kleidung: verkaufen, spenden oder recyceln?

OEKO-TEX Standard 100 prüft das Endprodukt auf über 100 Substanzen

Während GOTS den Prozess kontrolliert, richtet OEKO-TEX Standard 100 den Blick auf das fertige Textil. Unabhängige Institute wie die Hohenstein-Prüfstelle testen das Gewebe auf Schadstoffe: Pestizide, Schwermetalle, Weichmacher, allergisierende Farbstoffe. Die Prüfung berücksichtigt den Hautkontakt und unterscheidet vier Produktklassen, von Babykleidung (Klasse I) bis zu Dekorationsmaterial (Klasse IV).

Ob ein Kleidungsstück ökologisch hergestellt wurde, sagt dieses Siegel allerdings nicht aus. Ein konventionell produziertes T-Shirt aus Polyester kann OEKO-TEX Standard 100 tragen, solange keine bedenklichen Rückstände nachweisbar sind. Das Siegel beantwortet also eine andere Frage als GOTS, wie weiter unten in der Vergleichstabelle deutlich wird. Wer Wert auf die richtige Materialwahl legt, sollte beide Informationen zusammenlesen.

Grüner Knopf: staatliches Siegel mit 46 Kriterien

Der Grüne Knopf wurde 2019 vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung eingeführt. Er prüft auf zwei Ebenen: das Unternehmen selbst muss menschenrechtliche und ökologische Sorgfaltspflichten nachweisen, und das Produkt muss anerkannte Siegel wie GOTS oder Fairtrade Textile Production tragen. In der aktuellen Fassung (Stand September 2026) umfasst der Kriterienkatalog 46 Anforderungen. Einzelheiten dazu sind im Informationsblatt der Bundesregierung nachzulesen.

Warum betrifft ein deutsches Siegel den österreichischen Markt? Weil viele in Österreich erhältliche Marken ihre Produkte für den gesamten DACH-Raum zertifizieren lassen. Der Grüne Knopf hat keinen eigenen Schadstofftest, er setzt stattdessen auf bereits bestehende Prüfstandards und ergänzt sie um die unternehmerische Sorgfaltspflicht. In Österreich bietet die Umweltberatung Wien einen eigenen Überblick über Textilgütesiegel, der auch österreichspezifische Zeichen berücksichtigt.

Vergleichstabelle: Geltungsbereich, Prüfstelle und Fokus

Kriterium GOTS OEKO-TEX Standard 100 Grüner Knopf
Prüfgegenstand Gesamte Lieferkette ab der Faser Fertiges Textilprodukt Unternehmen und Produkt
Mindestanteil Bio-Faser 70 % (95 % für „organic“) Nicht erforderlich Nicht direkt, abhängig vom Untersiegel
Schadstoffprüfung Ja, prozessbegleitend Ja, laborbasiert am Endprodukt Über anerkanntes Untersiegel
Sozialstandards Ja, ILO-Kernarbeitsnormen Nein Ja, unternehmerische Sorgfaltspflicht
Gültig für Synthetik Nein Ja Ja, wenn Untersiegel es abdeckt
Herausgeber Global Standard gGmbH OEKO-TEX Association BMZ (Deutschland)

Die Tabelle zeigt, dass kein einzelnes Siegel alle Aspekte gleichzeitig abdeckt. Wer Slow Fashion konsequent umsetzen will, kombiniert idealerweise ein Prozess-Siegel (GOTS) mit einer Schadstoffprüfung (OEKO-TEX) und achtet auf die unternehmerische Verantwortung (Grüner Knopf oder Fair Wear Foundation).

Siehe auch Kleidung reparieren statt ersetzen: die vier lohnendsten Reparaturen

Fair-Trade-Produkte an konkreten Merkmalen erkennen

Ein Fairtrade-zertifiziertes Textil trägt das Fairtrade Cotton oder das Fairtrade Textile Production Siegel direkt auf dem Etikett oder Einnäher. Zusätzlich lässt sich die Zertifizierungsnummer über die Datenbank auf der Website von Fairtrade International überprüfen. Bei Baumwolle bedeutet das Siegel, dass die Rohbaumwolle zu einem Mindestpreis plus Prämie von Kooperativen eingekauft wurde.

Reicht das Siegel allein? Nicht unbedingt. Es sichert faire Einkaufsbedingungen für den Rohstoff, sagt aber nichts über die Weiterverarbeitung in der Näherei. Genau hier greifen ergänzende Standards wie die Fair Wear Foundation, die Arbeitsbedingungen in den Konfektionsbetrieben prüft (bis hin zur Frage, ob Feuerlöscher an den richtigen Stellen hängen, ein Detail, das selten auf Etiketten steht). Wer ein Kleidungsstück mit beiden Zeichen findet, kann davon ausgehen, dass Anbau und Verarbeitung kontrolliert wurden.

Welche Marken tragen welche Siegel

Statt einzelne Marken als „nachhaltig“ oder „nicht nachhaltig“ einzustufen, lohnt ein Blick auf die konkret verwendeten Zertifizierungen. Manche Hersteller lassen nur einzelne Produktlinien zertifizieren, nicht das gesamte Sortiment. Ein GOTS-Logo auf einem T-Shirt bedeutet nicht automatisch, dass die Winterjacke derselben Marke ebenfalls zertifiziert ist.

Die Greenpeace Österreich veröffentlicht einen Gütezeichen-Guide für Kleidung, der regelmäßig aktualisiert wird und die gängigen Siegel nach Strenge und Geltungsbereich bewertet. Dieser Guide hilft dabei, die Aussagekraft eines Siegels einzuordnen, bevor man einer Marke pauschal vertraut.

Ein genauer Blick auf die Faserqualität ergänzt die Siegelprüfung: Hochwertige Materialien halten länger, und Langlebigkeit ist ein Nachhaltigkeitsfaktor, den kein Siegel direkt abbildet. Gleiches gilt für die richtige Pflege empfindlicher Fasern wie Merinowolle.

Zum Merken

  • GOTS prüft die gesamte Lieferkette und verlangt mindestens 70 % Bio-Faseranteil.
  • OEKO-TEX Standard 100 testet das fertige Textil auf Schadstoffe, ohne Aussage über die Produktionsweise.
  • Der Grüne Knopf kombiniert Produkt- und Unternehmensprüfung, setzt aber auf bestehende Untersiegel.
  • Fairtrade Cotton sichert faire Rohstoffpreise, deckt die Konfektionierung aber nicht ab.
  • Ein einzelnes Siegel reicht selten aus: die Kombination mehrerer Standards gibt die zuverlässigste Auskunft.

Häufig gestellte Fragen

Wie erkenne ich nachhaltige Mode?

Am verlässlichsten über unabhängig geprüfte Siegel auf dem Etikett oder Einnäher. GOTS, OEKO-TEX, der Grüne Knopf und Fairtrade gehören zu den bekanntesten. Zusätzlich lohnt sich ein Blick auf das Materialetikett: ein hoher Anteil natürlicher Fasern aus kontrolliertem Anbau und eine transparente Lieferkettenangabe sind gute Indikatoren.

Welche Siegel gibt es für nachhaltige Kleidung?

Neben GOTS, OEKO-TEX Standard 100 und dem Grünen Knopf existieren unter anderem Fairtrade Cotton, Fairtrade Textile Production, die Fair Wear Foundation, das EU Ecolabel und Bluesign. Jedes Siegel deckt einen anderen Bereich ab: Rohstoff, Schadstofffreiheit, Arbeitsbedingungen oder Unternehmensverantwortung.

Wie erkenne ich, dass es ein Fair Trade Produkt ist?

Das Fairtrade-Siegel (schwarz-grün-blau mit dem stilisierten Menschen) befindet sich auf dem Produktetikett. Über die Zertifizierungsnummer lässt sich das Produkt in der Fairtrade-Datenbank online verifizieren. Bei Textilien gibt es zwei Varianten: Fairtrade Cotton (nur Rohstoff) und Fairtrade Textile Production (gesamte Kette).

Welche Klamottenmarken sind nachhaltig?

Eine pauschale Liste wäre irreführend, weil viele Marken nur Teile ihres Sortiments zertifizieren lassen. Der Gütezeichen-Guide von Greenpeace Österreich und die Siegeldatenbanken der jeweiligen Standards liefern aktuelle, überprüfbare Informationen zu einzelnen Produktlinien.

Lena Hofmann
Lena Hofmann

Modeberaterin und Stylistin aus Wien mit über 10 Jahren Erfahrung in der Modebranche. Lena teilt ihre Expertise zu Trends, Stil-Basics und nachhaltiger Mode für jeden Tag.

Auch lesenswert

Mikroplastik beim Waschen: Waschbeutel und Filter im Realitätscheck
Nachhaltigkeit

Mikroplastik beim Waschen: Waschbeutel und Filter im Realitätscheck

Bei jedem Waschgang lösen sich aus Kunstfasertextilien winzige Plastikpartikel, die über das Abwasser in…

Second Hand online kaufen: Maße prüfen statt Größe glauben
Nachhaltigkeit

Second Hand online kaufen: Maße prüfen statt Größe glauben

Größe 38 bei einer Marke passt, bei einer anderen nicht, und bei einem gebrauchten Stück aus den…

Slow Fashion: was hinter dem Begriff steckt, jenseits des Marketings
Nachhaltigkeit

Slow Fashion: was hinter dem Begriff steckt, jenseits des Marketings

Slow Fashion bezeichnet eine bewusste Abkehr von kurzlebiger Massenproduktion zugunsten langlebiger, unter…

Grundgarderobe: Deine vollständige Liste für jeden Anlass
Nachhaltigkeit

Grundgarderobe: Deine vollständige Liste für jeden Anlass

Kennst du das Gefühl, vor einem vollen Kleiderschrank zu stehen und trotzdem nichts zum Anziehen zu finden?…

Willhaben Damenmode: So kaufst du gebrauchte Mode richtig und günstig
Nachhaltigkeit

Willhaben Damenmode: So kaufst du gebrauchte Mode richtig und günstig

Als Modeberaterin aus Wien begleite ich seit über zehn Jahren Frauen dabei, ihren persönlichen Stil zu…

Capsule Wardrobe auf Deutsch: Was eine Kapselgarderobe wirklich ist und wie du sie aufbaust
Nachhaltigkeit

Capsule Wardrobe auf Deutsch: Was eine Kapselgarderobe wirklich ist und wie du sie aufbaust

Als Modeberaterin werde ich seit Jahren immer wieder gefragt: Was bedeutet Capsule Wardrobe auf Deutsch? Der…

In der Rubrik Nachhaltigkeit

Images : Pexels et Pixabay